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Full text of "Zur Geschichte der Zelltheorien"

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ZUR  GESCHICHTE 


DER 

ZELLTHEORIHN. 


EIN  VORTRAG 


RICHARD  ALTMANN. 


LEIPZIG, 

VERLAG  VON  A M B R.  ABEL. 
1889. 


Digitized  by  the  Internet  Archive 

in  2015 


Druck  von  Metzger  & Wittig  in  Leipzig. 


https://archive.org/details/b21997342 


Seitdem  von  Dujardin  die  contraktile  Substanz  oder 
Sarkode  entdeckt  war,  hat  dieselbe  in  l^ezug  auf  die  Deu- 
tung ihres  Wesens  und  ihrer  Verbreitung  gar  mannigfache 
Wandlungen  erfahren.  Dujardin  selbst  nahm  an,  dass  sie 
den  niederen  Thieren  zukomme  und  den  Körper  derselben 
im  Wesentlichen  bilde. 

Bald  darauf,  es  sind  jetzt  gerade  50  Jahre  her,  fanden 
Schleiden  und  Schwann,  dass  sich  der  Körper  aller 
Pflanzen  und  Thiere  aus  kleinen  Territorien  aufbaue,  welche 
Zellen  genannt  wurden;  die  Substanz  der  Zellen  selbst  aber 
wurde  in  ihren  wesentlichen  Eigenschaften  bald  als  überein- 
stimmend in  allen  Organismen  erkannt  und  für  dieselbe  der 
Ausdruck  Protoplasma  gefunden. 

Was  ist  Protoplasma?  Hugo  von  Mo  hl,  welcher  diesen 
Ausdruck  aufbrachte,  definirt  dasselbe  als  eine  zähflüssige, 
mit  Körnchen  gemengte  Substanz;  die  Körnchen  können 
auch  fehlen  und  es  bleibt  dann  eine  gleichförmige,  durch- 
scheinende Masse  übrig.*) 

Diese  Definition  des  Protoplasmas  hat  ihre  Geltung  im 
Wesentlichen  bis  auf  den  heutigen  Tag  behalten.  So  be- 
zeichnete  Max  Schnitze®)  dasselbe  als  zähflüssig,  zerlegbar 
in  eine  glasartig  durchsichtige  Grundsubstanz  und  die  zahl- 


1)  II.  V.  Mohl,  Ueber  die  Saftbewegung  im  Innern  der  Zellen,  llola- 
nische  Zeitung  1846,  S.  74  u.  90. 

2)  Max  Scliultze,  Ueber  Muskelkörperchen  und  das  was  man  eine 
Zelle  zu  nennen  habe.  Archiv  für  Anatomie  und  l’liysiologie  1861.  S.  9. 


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reich  eingebetteten  Körnchen;  die  letzteren  können  auch 
fehlen  und  die  homogene  Grundsubstanz  übrig  lassen, 
lirücke’),  indem  er  den  theoretischen  Begriff  der  Zelle  ab- 
pfrenzen  will  und  weder  Kern  noch  Membran  als  nothwendige 

o 

Bestandtheile  derselben  anerkennt,  hält  für  die  einfachste 
Form  der  Zelle  ein  Klümpchen  Protoplasma,  welches  wohl 
eine  molekulare  Organisation  oder  Structur  besitzt,  mor- 
phologisch aber  nicht  zerlegt  worden  und  vielleicht  über- 
haupt nicht  zerlegbar  ist. 

Diesen  Anschauungen  von  der  Structurlosigkeit  des 
Protoplasmas  sind  fast  alle  späteren  Autoren,  wie  Kühne, 
Lieberkühn  und  Andere  gefolgt,  ja  dieselben  gingen  hier 
insofern  zum  Theil  noch  weiter,  als  sie  die  lebendige  Natur 
der  Körnchen,  welche,  wenn  nicht  immer,  so  doch  meist 
dem  Protoplasma  sichtbarlich  beigemischt  sind,  mehr  weniger 
bestimmt  in  Abrede  stellen.  So  erklärt  Stricker,  dass 
man  nicht  berechtigt  ist,  die  Körnchen  überhaupt  als  wesent- 
liche Bestandtheile  des  Protoplasmas  zu  betrachten;  von  den 
neueren  Botanikern,  welche  sich  eingehender  mit  dem  Proto- 
plasma beschäftigt  haben,  meint  Berthold’^),  die  Körnchen, 
oder  wie  sie  Hansteins)  nennt,  die  Mikrosomen,  mögen 
jii  vielen  Fällen  krystallinische  oder  amorphe  feste  Aus- 
scheidungen organischer  oder  unorganischer  Natur  sein,  in 
andern  wieder  tröpfchenförmige  Ausscheidungen  unbekannter 
Gemische,  und  Schwarz“»)  erklärt  von  den  Körnchen,  dass, 
soweit  sie  nicht  Gerinnungsprodukte  der  Reagentien  sind, 
es  sich  bei  ihnen  um  eine  Einlagerung  unlöslicher  körniger 
Substanzen  in  das  zähflüssige  Cytoplasma  handelt,  welche 
nur  eine  metaplasmatische  Natur  haben.  Nur  wenige  Bo- 
taniker haben  überhaupt  die  Möglichkeit  einer  feineren 


1)  Ernst  Brücke,  Die  Elementarorganismen.  Wiener  Sitzungs- 
berichte i86i. 

2)  G.  Berthold,  Studien  üb.  Protoplasmamechanik.  Leipz.  1886.  S.  61. 

3)  T.  V.  Hanstein:  Das  Protoplasma.  Heidelberg  1880.  S.  22. 

4)  F.  Schwarz,  Die  morphologische  und  chemische  Zusammen- 
setzung des  Protoplasmas.  Breslau  1887.  S.  137  u.  138. 


Structur  im  Cytoplasma  erwähnt;  so  heisst  es  in  Bezug 
hierauf  meiner  der  neuesten  und  objektivsten  Erörterungen’); 

„In  jeder  beliebigen  lebenden  Pflanzenzelle,  in  der  das 
Cytoplasma  eine  gewisse  Mächtigkeit  besitzt,  beobachtet 
man  an  demselben  eine  gewisse , ins  gräuliche  spielende 
Trübung,  die  dasselbe  granulirt  erscheinen  lässt.  Bei  der 
Kleinheit  der  in  Frage  kommenden  Gebilde  muss  es  jedoch 
zur  Zeit  noch  zweifelhaft  bleiben,  ob  wir  es  im  Cytoplasma 
wirklich  mit  Körnchen  von  abweichender  Lichtbrechung 
zu  thun  haben,  oder  ob  die  Trübung  desselben  nicht,  wie 
Naegeli  annimmt,  mindestens  zum  grössten  Theil  dadurch 
hervorgebracht  wird,  dass  die  gesammte  Masse  des  Cyto- 
plasmas von  einer  grossen  Menge  winziger  Wasser  oder 
Zellsaft  enthaltender  Vacuolen  erfüllt  ist.“ 

„Durchmustert  man  in  Bezug  hierauf  die  botanische 
Litteratur,  so  wird  man  finden,  dass  die  in  dieser  Richtung 
angestellten  Beobachtungen  noch  gänzlich  unzureichend  sind, 
und  dass  ein  sicheres  Urtheil  über  die  feinere  Structur  des 
Cytoplasmas  zur  Zeit  noch  nicht  gefällt  werden  kann.“ 

„Es  soll  jedoch  mit  obigen  Worten  keineswegs  die 
Möglichkeit  einer  feineren  Structur  im  Cytoplasma  in  Ab- 
rede gestellt  werden;  es  schien  mir  nur  geboten,  darauf 
hinzuweisen,  dass  zur  Zeit  keine  mit  der  nöthigen  Kritik 
angestellten  umfassenden  Untersuchungen  über  diesen  Gegen- 
stand vorliegen,  und  dass  es  jetzt  noch  nicht  möglich  ist, 
in  dieser  Hinsicht  ein  irgendwie  abschliessendes  Urtheil 
zu  fällen.“ 

So  konnte  Köl liker,  indem  er  in  der  neuen  Ausgabe 
seines  Handbuches  der  Gewebelehre  (1889)  in  dieser  Frage 
weniger  als  Autor  denn  als  Referent  aufzutreten  bemüht 
ist,  die  herrschenden  Anschauungen  der  Botaniker  sowohl 
wie  der  Zootomen  dahin  zusammenfassen,  dass  das  Proto- 
plasma (S.  ii)  eine  gleichartige,  weiche,  zähflüssige  Sub- 
stanz sei,  in  welcher  meistens  Körnchen  und  andere  Ein- 

i)  A.  Zimmermann,  Die  Morpliologie  und  Physiologie  der  Pflanzen- 
zelle. In  .Schenk’s  Lehrbuch  der  Hotanik  1887.  .S.  10.  12.  13. 


6 


Schlüsse  eingestreut  sind;  in  derselben  können  im  Laufe 
der  Entwickelung  Yacuolen  in  verschiedenen  Grössen  und  in 
verschiedenen  Mengen  auftreten  (S.  12);  sind  dieselben  klein, 
so  erscheint  das  Protoplasma  schaumig  wie  spongiös,  werden 
dieselben  grösser,  so  bildet  das  Protoplasma  Netze,  in  dessen 
Maschen  sich  P'lüssigkeit,  oder  Fetttropfen,  Schleimkugeln, 
Eiweisskörner  etc.  finden;  indem  Kölliker  eine  eigentlich 
primäre  Netzstructur  des  Protoplasmas,  wie  sie  von  An- 
deren behauptet  ist,  nicht  anzuerkennen  scheint,  erklärt  er 
Fasern  und  P'ibrillenbildungen  als  wichtige  Pnnzelheiten  des 
protoplasmatischen  Baues  (S.  13). 

Nach  diesen  herrschenden  Anschauungen  hat  also  das 
Protoplasma  seine  morphologische  Individualisirung  in  der 
Form  der  Zelle  gefunden.  Die  Zelle  ist  demnach,  da  das 
Protoplasma  selbst  nicht  zerlegt  werden  kann,  die  morpho- 
logische Einheit  der  lebenden  Materie,  in  deren  Raum  sich 
dieselbe,  sei  es  als  zusammenhängende  Masse,  sei  es  durch 
Lücken  unterbrochen  ausbreitet;  die  Zelle  ist  der  Elementar- 
organismus, der  von  verschiedener  Grösse  und  verschiede- 
nem Inhalt  sein  kann,  aber  als  wesentliche  Substanz  das 
homogene,  gleichartige,  glasartig  durchsichtige,  zähflüssige 
Protoplasma  enthält. 

Gegenüber  diesen  herrschenden  Anschauungen  von  der 
Gleichartigkeit  des  Protoplasmas  giebt  es  eine  noch  ältere 
zweite  Richtung  von  Bestrebungen , welche  neben  der 
anderen  bisher  nicht  hat  zur  Geltung  kommen  können,'  und 
welche  im  Protoplasma  noch  eine  weitere  morphologische 
Zusammensetzung  aus  körperlichen  Elementartheilen  sucht, 
die  dann  selbst  ihre  lebendigen  Fähigkeiten  auf  Grund 
einer  molekularen  Organisation  entfalten  mögen.  Diese 
Bestrebungen  drücken  sich  theils  in  Form  von  Wünschen 
und  Vermuthungen,  theils  in  Form  von  bestimmt  geäusserten 
Anschauungen  aus. 

So  sagt  Brücke  in  seiner  citirten  Abhandlung:  Ich 
nenne  die  Zellen  Pdementarorganismen,  wie  wir  die  Körper, 
welche  bis  jetzt  chemisch  nicht  zerlegt  worden  sind,  Pfle- 


7 


mente  nennen.  So  wenig  die  Unzerlegbarkeit  dieser  be- 
wiesen ist,  so  wenig  können  wir  die  Möglichkeit  in  Abrede 
stellen,  dass  nicht  vielleicht  die  Zellen  selbst  noch  wiederum 
aus  anderen,  noch  kleineren  Organismen  zusammengesetzt 
sind,  welche  zu  ihnen  in  einem  ähnlichen  Verhältniss  stehen, 
wie  die  Zellen  zum  Gesammtorganismus,  aber  wir  haben 
bis  jetzt  keinen  Grund,  dieses  anzunehmen. 

Aehnlich  drückt  sich  Kölliker')  aus,  indem  er  sagt: 
Wenn  Bichat  die  Histologie  durch  die  Aufstellung  einer 
einheitlichen  Grundlage  und  die  scharfe  Durchführung  der- 
selben mehr  im  Allgemeinen  begründete,  so  hat  Schwann 
durch  seine  Untersuchungen  dieselbe  im  Einzelnen  gesichert 
und  sich  so  den  zweiten  Lorbeer  in  diesem  Felde  errungen. 
Was  die  Wissenschaft  seit  Schwann  bis  auf  unsere  Tage 
noch  leistete,  war  zwar  von  der  grössten  Bedeutung  für 
die  Physiologie  und  Medicin  und  zum  Theil  auch  von  rein 
wissenschaftlichem  Standpunkte  aus  von  hohem  Werthe, 
allein  alles  dieses  war  doch  nicht  der  Art,  dass  es  um 
einen  namhaften  Schritt  weiter  zu  einem  neuen  Abschnitt 
geführt  hätte.  Dieser  Stand  der  Gewebelehre  wird  so 
lange  dauern,  als  es  nicht  gelingt,  um  ein  Wesentliches 
weiter  in  die  Tiefe  des  Baues  der  lebenden  Wesen  zu 
schauen  und  auch  die  Elemente  zu  erfassen,  aus 
denen  das,  was  wir  jetzt  noch  für  einfach  halten, 
zusammengesetzt  ist.  Sollte  das  aber  je  möglich  werden, 
dann  würde  auch  für  die  Histologie  eine  neue  Zeit  be- 
ginnen, und  die  Entdeckung  des  Gesetzes  der  Zelle n- 
genese  würde  ebenso  oder  noch  mehr  Bedeutung  gewinnen, 
als  die  Lehre  von  der  Zusammensetzung  aller  thierischen 
Gewebe  aus  Zellen. 

Wir  stellen  die  Aeusserungen  dieser  beiden  Autoren 
hier  voran,  weil  sic  in  einfachster  Weise  den  Standpunkt 
charakterisiren,  auf  welchem  bis  in  unsere  Tage  die  Lehre 


i)  Kölliker,  Handbucli  der  Gewebelehre,  5.  Aufl.  1867.  S.  2. 
Gekürztes  Citat. 


8 


von  den  organisirten  Formelenienten  gestanden  hat.  Es 
hat  weder  vor  noch  nach  diesen  Aeusserungen  an  Be- 
mühungen gefehlt,  der  Frage  von  den  wirklichen  Ele- 
mentarorganismen näher  zu  treten,  aber  alle  diese  Be- 
mühungen haben  keinen  Erfolg  gehabt,  weil  sie  mehr  auf 
hypothetischen  Anschauungen,  als  auf  gefundeiien  That- 
sachen  beruhten. 

Die  Lehre  von  den  Elementarorganismen  ist  in  ihrer 
primitiven  Form  weit  älter  als  die  Zellenlehre  selbst;  es 
ist  aber  für  den  heutigen  Biologen  oft  schwierig,  sich  in 
jene  älteren  Ideen  hineinzudenken,  und  muss  dieses  jeden- 
falls mit  Berücksichtigung  aller  jener  Unterschiede  ge- 
schehen, welche  die  Hilfsmittel  der  neueren  Zeit  vor  denen 
der  älteren  auszeichnen.  Darum  thun  wir  vielleicht  gut, 
folgende  Worte  Vir chow’s ')  zu  citiren,  welcher,  indem  er 
selbst  den  Uebergang  zur  neueren  Zeit  mit  erlebte  und  mit 
begründete,  die  Anschauungen  jener  älteren  in  folgender 
Weise  schildert. 

„Noch  in  den  Elementa  physiologiae  von  Haller  findet 
man  an  die  Spitze  des  ganzen  Werkes,  wo  von  den  Ele- 
menten des  Körpers  gehandelt  wird,  die  Faser  gestellt. 
Haller  braucht  dabei  den  charakteristischen  Ausdruck,  dass 
die  Faser  für  den  Physiologen  das  sei,  was  die  Linie  für 
den  Geometer.“ 

„Im  Laufe  des  letzten  Jahrzehntes  vom  vorigen  Jahr- 
hundert begann  indess  schon  eine  gewisse  Reaction  gegen 
diese  Faserlehre,  und  in  der  Schule  der  Naturphilosophen 
kam  frühzeitig  ein  anderes  Element  zu  Ehren,  das  aber  in 
einer  viel  mehr  speculativen  Weise  begründet  wurde,  näm- 
lich das  Kügelchen.  Während  die  Einen  immer  noch  an 
der  Faser  festhielten,  so  glaubten  Andere,  wie  in  der  spä- 
teren Zeit  noch  Mil  ne  Edwards,  so  weit  gehen  zu  dürfen, 
auch  die  Faser  wieder  aus  linear  aufgereihten  Kügelchen 
zusammengesetzt  zu  denken.  Diese  Auffassung  ist  zum 


i)  Virchow,  Die  Cellularpathologie,  4.  Aufl.  1871.  S.  zzf. 


9 


Theil  hervorgegangen  aus  optischen  Täuschungen  bei  der 
mikroskopischen  l^eobachtung.  Die  schlechte  Methode, 
welche  während  des  ganzen  vorigen  Jahrhunderts  und  eines 
Theiles  des  gegenwärtigen  bestand,  dass  man  mit  mässigen 
Instrumenten  im  vollen  Sonnenlicht  beobachtete,  brachte  fast 
in  allen  mikroskopischen  Objekten  eine  gewisse  Dispersion 
des  Lichtes,  und  der  Beobachter  bekam  den  Eindruck,  als 
sähe  er  weiter  nichts,  als  Kügelchen.  Andererseits  ent- 
sprach aber  auch  diese  Anschauung  den  naturphilosophi- 
schen Vorstellungen  von  der  ersten  Entstehung  alles  Ge- 
formten.“ 

„Diese  Kügelchen  (Körnchen,  Granula,  Moleküle)  haben 
sich  sonderbarer  Weise  bis  in  die  moderne  Histologie  hinein 
erhalten,  und  es  gab  bis  vor  Kurzem  wenige  histologische 
Werke,  welche  nicht  mit  den  Elementarkörnchen  anfingen. 
Hier  und  da  sind  noch  vor  nicht  langer  Zeit  diese  An- 
sichten von  der  Kugelnatur  der  Elementartheile  so  über- 
wiegend gewesen,  dass  auf  sie  die  Zusammensetzung,  sowohl 
der  ersten  Gewebe  im  Embryo,  als  auch  der  späteren  be- 
gründet wurde.  Man  dachte  sich,  dass  eine  Zeile  in  der 
Weise  entstände,  dass  die  Kügelchen  sich  sphärisch  zur 
Membran  ordneten,  innerhalb  deren  sich  andere  Kügelchen 
als  Inhalt  erhielten.  Noch  von  Baumgärtner  und  Arnold 
ist  in  diesem  Sinne  gegen  die  Zellentheorie  gekämpft  worden.“ 

„In  einer  gewissen  Weise  hat  diese  Auffassung  in  der 
h'ntwickelungsgeschichte  eine  Stütze  gefunden,  in  der  so- 
genannten Umhüllu  ngstheorie  (Heule).  Danach  dachte 
man  sich,  dass,  während  ursprünglich  eine  Menge  von  Ele- 
mentarkügelchen zerstreut  vorhanden  wären,  diese  sich 
unter  bestimmten  Verhältnissen  zusammenlagerten,  nicht 
in  Form  sphärischer  Membranen,  sondern  zu  einem  com- 
pakten  Haufen,  einer  Kugel  (Klümpchen),  und  dass  diese 
Kugel  der  Ausgangspunkt  der  weiteren  Bildung  werde,  in- 
dem durch  Differenzirung  der  Masse,  durch  Apposition  oder 
Intussusception  aussen  eine  Membran,  innen  ein  Kern  ent- 
stehe.“ 


IO 


„Gegenwärtig  kann  man  weder  die  Faser,  noch  das 
Kücrelchen  oder  Elementarkörnchen  als  einen  histologischen 

o 

Ausgangspunkt  betrachten.“ 

Diese  älteren  Anschauungen  nun,  wie  sie  hier  von 
Virchow  so  trefflich  wiedergegeben  werden,  sind  von 
einzelnen  Autoren  bis  in  die  neueste  Zeit  hinein  mit  grossem 
Eifer  verfochten  worden,  insbesondere  von  Bechamp  und 
Estor.  Beide  Autoren,  indem  sie  meist  gemeinschaftlich 
ihre  Anschauungen  äusserten,  stehen  ganz  auf  dem  Boden 
der  alten  Umhüllungstheorie.  Auch  nach  ihnen  soll  die 
Zelle  entstehen,  indem  die  Elementarkörnchen,  welche  sic 
Mikrozymas  nennen,  sich  Zusammenlegen  und  durch  Diffe- 
renzirung  ihrer  Masse  sich  zu  Zellen  umbilden.  Heule 
mit  seiner  Umhüllungstheorie  gilt  ihnen  daher  als  diejenige 
Autorität,  an  deren  Aeusserungen  sie  vorzugsweise  gerne 
anknüpfen,  und  um  so  lieber,  als  sie  selbst,  wie  es  scheint, 
nicht  Morphologen  sind.  Neu  ist  bei  ihnen  noch  die  zweite 
Idee,  welche  vorzugsweise  ihr  persönliches  Interesse  in  An- 
spruch nimmt,  dass  dieselben  Kügelchen  durch  Zerfall  der 
Zelle  wieder  frei  werden  können  und  so  Bacterien  bilden. 

Alle  ernsten  Bemühungen  unserer  Zeit  haben  aber  in 
beiden  Fällen  zum  entgegengesetzten  Resultat  geführt.  Der 
Lehrsatz  Virchow ’s,  omnis  cellula  e cellula,  welcher  der 
Umhüllungstheorie  gegenübersteht,  ist  heute  mehr  denn  je 
anerkannt,  nicht  auf  Grund  von  Hypothe.sen,  sondern  auf 
Grund  jener  Thatsachen,  wie  sie  insbesondere  durch  die 
Erscheinungen  der  Karyokinese  sicher  gestellt  worden  sind, 
und  die  Integrität  der  Abstammung  der  Spaltpilze,  wie  sie 
von  den  Versuchen  Pasteur’s  ihren  wesentlichen  Ausgan" 

o o 

genommen  hat,  ist  bis  jetzt  durch  die  weiteren  Beobach- 
tungen immer  mehr  begründet,  nicht  negirt  worden;  auch 
die  nicht  minder  verfehlten  Bemühungen  Wiegand’s ^), 
welcher  von  seinem  Standpunkte  als  Botaniker  ebenfalls 

i)  A.  Wiegand,  Entstehung  und  Fermentwirkung  der  Bacterien. 
Marburg  1881.  Derselbe,  Das  Protoplasma  als  Fermentorganismus.  Mar- 
burg 1888. 


eine  Anamorphose  des  Protoplasmas  zu  Bacterieii  behauptet, 
haben  hieran  nichts  zu  ändern  vermocht.  Die  Opposition 
gegen  Virchovv  und  Pasteur  ist  aber  überall  dasjenige 
Moment,  welches  in  den  Auslassungen  jener  beiden  Autoren 
insbesondere  hervortritt.  Diese  Opposition  hätte  trotz  ihres 
verfehlten  Charakters  ihren  Nutzen  gehabt,  wenn  es  jenen 
Autoren  gelungen  wäre,  die  Elemente  der  Zelle  zu  sehen 
und  zu  demonstriren.  Sie  haben  aber  nicht  mehr,  vielleicht 
weniger  gesehen,  als  die  anderen  Mikroskopiker  vor  ihnen 
auch.  Es  bleibt  daher  an  ihnen  nichts  anderes  anzuerken- 
nen übrig,  als  die  Begeisterung,  mit  welcher  sie  die  alten 
Ideen  von  den  Elementarkörnchen  verfochten  haben.') 

Trotzdem  scheint  es,  als  wenn  die  alte  Lehre 
von  den  Elementarkörnchen  ihre  Berechtigung  hat. 
Die  Zellen  sind  nicht  Elementarorganismen,  son- 
dern Colonieen  von  solchen  mit  eigenartigen  Ge- 
setzen der  Colonisation’');  die  Zellen  entstehen  aber 
nicht  durch  das  Zusammentreten  der  Kügelchen, 
sondern  sie  sind  daraus  in  jenen  geschichtlichen 
Perioden  entstanden,  die  den  mikroskopischen 
Elementen  gerade  so  eigen  sind,  wie  den  groben 
Formen  der  Lebewesen  auch;  die  Elementarkörn- 
chen der  Zellen,  welche  noch  heute  ihre  analogen 

1)  Vergl.  hierüber  die  zahlreichen  Abhandlungen,  welche  in  den 
Comptes  rendues  seit  etwa  1860  bis  heute  erschienen  sind.  Ausserdem 
A.  Bdchamp,  Les  microzymas.  Paris  1883  und  A.  Estor,  De  la  Con- 
stitution 61dinentaire  des  tissus.  Montpellier  1882. 

Um  die  Mangelhaftigkeit  der  Beobachtungen  jener  Autoren  zu  prüfen, 
braucht  man  nur  die  Abbildungen  in  dem  citirten  Werke  Bechamp’s,  die 
einzigen  übrigens,  welehe  jene  Autoren  geliefert  haben,  zu  betrachten;  es 
erscheint  dann  klar,  dass  von  vielen  anderen  Autoren  älterer  und  neuerer 
Zeit  sowohl  an  der  thierischen,  wie  auch  an  der  Pflanzenzelle  bessere  und 
ausgiebigere  Beobachtungen  gemacht  worden  sind. 

Bei  der  Unfruchtbarkeit  ihrer  Opposition  gegen  Pasteur  und  Vir- 
ehow  und  bei  der  Mangelhaftigkeit  ihrer  thatsächliehen  Befunde  nimmt  es 
daher  nichtWunder,  wenn,  wie  Estor  sich  bitter  beklagt  (1.  c.  S.VllI),  selbst 
die  Mitglieder  des  französischen  Instituts  ihnen  in  ihrem  eigenen  Interesse 
abgeralhen  haben,  weiter  auf  dem  betretenen  Wege  vorzugehen. 

2)  Vergl.  Die  Genese  der  Zelle.  Festschrift  für  Carl  Ludwig  1887. 


12 


Vertreter  in  den  Mikroorganismen  haben  und 
welche  seit  jenen  Perioden  in  den  Zellen  existi- 
ren,  vermögen  nicht  mehr  selbstständige  Lebe- 
wesen zu  werden. 

Beide  Richtungen  nun,  sowohl  diejenige,  welche  die 
Gleichartigkeit  des  Protoplasmas  betont,  als  auch  diejenige, 
welche  die  Elementarkörnchen  als  die  Grundelemente  der 
lebenden  Materie  betrachtet,  haben  in  der  Art,  wie  sie 
bisher  vertreten  worden  sind,  ihre  Fehler  aufzu weisen.  Im 
ersten  Falle  leugnete  man  Dinge,  weil  man  sie  nicht  sah, 
im  anderen  behauptete  man  Dinge,  obwohl  man  sie  nicht 
sah;  zu  Beidem  hatte  man  kein  Recht. 

Jene  Anschauung  von  der  Gleichartigkeit  des  Proto- 
plasmas stützt  sich  zum  grössten  Theil  auf  Beobachtungen, 
welche  an  bestimmten  lebenden  Objekten  angestellt  seiner 
Zeit  grundlegend  für  die  Betrachtung  des  Protoplasmas  als 
Ganzes  waren,  niemals  aber  für  die  analytische  Be- 
trachtung desselben  massgebend  sein  und  bleiben  durften. 
Die  sich  bewegenden  Plasmaströme  der  Pflanzenzellen,  die 
Bewegungserscheinungen  an  den  Rhizopoden,  Myxomyceten, 
die  lebenden  Leucocyten  des  Blutes  waren  es,  von  welchen 
her  allgemeine  Folgerungen  über  den  Bau  des  Protoplasmas 
hergeleitet  wurden  und  besonders  von  Seiten  der  Botaniker 
noch  heute  hergeleitet  werden. 

Die  lebenden  Objekte  haben  für  den  Beobachter  ge- 
wiss etwas  ausserordentlich  Fesselndes,  und  Niemand  wird 
den  Werth  solcher  Beobachtungen  leugnen,  oder  nur  her- 
abzusetzen suchen;  will  man  jedoch  den  Bau  des  Proto- 
plasmas sehen,  so  findet  man  in  ihnen  nur  selten  einen 
sicheren  Anhalt.  Man  sieht  eben,  wie  dieses  v.  Mohl, 
Schnitze,  Kühne'),  Lieberkühn^)  und  viele  Andere  in 
oft  klassischer  Weise  beschrieben  haben,  das  schöne  Spiel 
der  in  und  mit  der  hellen  Grundsubstanz  strömenden 

1)  W.  Kühne,  Untersuchungen  über  das  Protoplasma.  Leipzig  1864. 

2)  N.  Li  eher  kühn,  Leber  Bewegungserscheinungen  der  Zellen. 
Marburg  1870. 


13 


Körnchen;  man  sieht  oft  die  peripheren  Theile  frei 
von  diesen;  bald  ist  es  Vergrösserung , bald  Verklei- 
nerung der  einzelnen  Theile,  bald  Trennung,  bald  Ver- 
schmelzung derselben,  welche  uns  entgegentreten,  und 
vieles  Geistvolle  ist  darüber  zu  sagen  und  gesagt  wor- 
den. Warum  aber  diese  selben  Objekte,  welche  nach  der 
einen  Seite  hin  so  wunderbare  Schönheiten  offenbaren,  auch 
anderweitig  massgebend  sein  sollen,  das  ist  nicht  einzu- 
sehen. 

Es  scheint,  als  wenn  für  das  Studium  des  protoplas- 
matischen Ifaues  zw'ei  Grundsätze  massgebend  sein  müssen; 
die  Anwendung  der  künstlichen  Methoden,  welche  uns  weiter 
in  die  Tiefe  jenes  Baues  hineinzuführen  vermögen,  als  die 
natürlichen  Beobachtungen  und  die  Wahl  geeigneter  Ob- 
jekte, deren  Elemente  sich  durch  ihre  Deutlichkeit  aus- 
zeichnen. Wenn  man  aus  unpassenden  Objekten  mit  un- 
passenden Methoden  allgemeine  Folgerungen  herleiten  will, 
so  weiss  man  eben  nicht,  was  feinere  mikroskopische  Ana- 
lyse bedeutet;  es  ist  hier  eine  der  alltäglichsten  Erfahrungen, 
dass  Dinge,  welche  vorhanden  sind,  wegen  ihrer  Kleinheit 
oder  aus  anderen  Gründen  nicht  gesehen  werden,  und  je 
weiter  die  Erfahrungen  in  der  feineren  mikroskopischen 
Analyse  reichen,  desto  mehr  kommt  man  zu  der  Ansicht, 
dass  das,  was  wir  von  den  morphologischen  Elementen 
sehen,  nur  ein  Bruchtheil  ist  von  dem,  was  wir  nicht  sehen. 
Der  Mikrologe  ist  selten  in  der  Lage,  gegenüber  diesen 
noch  nicht  gesehenen  Dingen  mit  vorgefasstem  Willen 
einen  Erfolg  zu  erreichen;  seine  Kunst  besteht  darin,  den 
Dingen  geduldig  nachzugehen  und  ihnen  ihre  Eigenheiten 
abzulauschen,  wo  und  wie  er  sie  erreichen  kann;  wer  hier 
an  Andere  unberechtigte  Forderungen  macht,  der  stellt 
sich  auf  den  Standpunkt  desjenigen,  der  nicht  gelernt  hat, 
sein  eigenes  Können  und  das  der  Anderen  abzuwägen. 

Die  lebenden  Objekte  haben  zunächst  den  grossen 
Nachtheil,  dass  die  Sichtbarkeit  der  Elemente  von  mancherlei 
Zufälligkeiten  abhängt;  es  bedarf  nur  eines  annähernden 


— 14  - 

Ausgleiches  der  Brechungsunterschiede,  um  selbst  solche 
hdemente  unsichtbar  zu  machen,  die  wegen  ihrer  Grösse 
sonst  bequem  der  Beobachtung  zugänglich  wären.  Die 
künstlichen  Methoden  sind  von  solchen  Zufälligkeiten  in 
hohem  Grade  unabhängig,  und  es  liegt  nur  in  unserem 
Können,  wie  intensiv  wir  die  Differenzen  der  Sichtbarkeit 
erzeusfen.  Da  die  Grösse  der  hier  in  Betracht  kommenden 
Elemente  oft  unterhalb  und  oft  an  der  Leistungsgrenze 
der  Mikroskope  liegt,  so  müssen  wir  um  so  mehr  bemüht 
sein,  die  Kräfte  derselben  bis  zum  Extrem  auszunützen; 
das  können  wir  aber,  wie  dem  Einsichtigen  leicht  klar  sein 
wird,  an  den  natürlichen  Objekten  nicht  durchführen. 

Sowohl  für  die  natürliche  als  auch  für  die  künstliche 
Bearbeitung  jedoch  werden  wir  nicht  beliebige  Objekte 
wählen,  sondern  diejenigen  bevorzugen,  wo  die  Grösse  und 
Art  der  Elemente  die  Beobachtung  erleichtert,  und  je  leichter 
und  sicherer  diese  Beobachtung  ist,  desto  willkommener 
muss  uns  ein  solches  Objekt  sein.  Unter  den  vielen  Objekten 
zeichnen  sich  die  echten  Pigmentzellen  dadurch  aus,  dass  sie 
bereits  ohne  Kunsteingriffe  beobachtet  werden  können ; wenn 
sie  uns  so  direkt  einen  Einblick  in  ihr  Inneres  gestatten, 
so  müssen  sie  uns  massgebender  sein,  als  alle  farblosen 
Zellen,  die  dieses  nicht  thun.  Wenn  die  Muskelfaser  uns 
bei  geringer  Mühewaltung  den  Bau  des  Protoplasmas  in 
grosser  Vollständigkeit  darbietet,  so  wird  sie  uns  das 
Prototyp  des  protoplasmatischen  Baues  sein  und  nicht  die 
Sarkode,  an  welcher  wir  nichts  sehen ; wir  werden,  wenn 
es  uns  gelingt,  in  anderen  Zellen  analoge  Verhältnisse 
aufzudecken,  dann  mehr  Recht  haben  aus  den  Pigment- 
zellen und  Muskelfasern  allgemeinere  Folgerungen  zu  ziehen, 
als  diejenigen,  welche  dieses  von  der  Sarkode  her  gethan 
haben,  denn  positive  Beobachtungen  beweisen,  nicht  negative. 
Wer  dann  ein  Interesse  daran  hat  zu  wissen,  ob  die  Sarkode 
eine  Structur  hat  oder  nicht,  der  mag  sich  doch  darum 
bemühen;  will  er  alsdann  behaupten,  dass  sie  structurlos 
sei,  dann  hat  er  es  zu  beweisen,  nicht  ein  Anderer;  ohne 


15 


diesen  Beweis  aber  allgemeine  Folgerungen  zu  ziehen,  ist 
gewiss  verfehlt.  Wenn  die  Botaniker,  welche  weder  Pigment- 
zellen noch  Muskelfasern  haben,  bei  der  alten  Mohl’schen 
Definition  noch  bis  heute  stehen  geblieben  sind,  so  ist  das 
nicht  zu  verwundern;  dem  Zootomen  aber  müssten  jene 
günstigen  Objekte  doch  wohl  der  Ausgangspunkt  sein,  von 
welchem  aus  er  sich  bemühen  konnte  weiter  zu  kommen, 
statt  einfach  den  Inhalt  der  Muskelfasern  auf  eine  Ablage- 
rung der  quergestreiften  Elemente,  und  den  der  Pigment- 
zellen auf  eine  Absetzung  von  neuen  Stoffen  in  unlöslicher 
P'orm  zurückzuführen  (Kölliker’).  Sehen  wir  von  den- 
jenigen Fällen  ab,  wo  es  sich  um  regellose,  resp.  krystal- 
linische  Niederschläge  pigmentirter  Stoffe  in  den  Zellen 
handelt,  so  sind  mancherlei  Gründe  vorhanden,  sowohl  die 
Körnchen  der  echten  Pigmentzellen  als  auch  die  Elemente 
der  Muskelfasern  für  organisirte  Gebilde  zu  halten;  organi- 
sirte  Gebilde  aber  entstehen,  soweit  unsere  Kenntnisse  von 
den  natürlichen  Dingen  reichen,  nicht  durch  Ablagerung 
oder  Absetzung.  Es  liegt  hier  nahe  anzunehmen,  dass  die 
von  der  Natur  gefärbten  echten  Pigmentkörnchen  den  durch 
Kunst  färbbaren  Granulis  der  andern  Zellen  analog  sind, 
wenigstens  hat  mich  diese  Annahme  seiner  Zeit  dazu  ge- 
führt, solche  künstliche  P'ärbungen  zu  suchen,  welche  einen 
Ersatz  für  die  natürlichen  Färbungen  der  Pigmentzellen 
bilden  sollten. 

Auch  von  Seiten  der  Botaniker  hat  es  nicht  völlig  an 
Bemühungen  gefehlt,  dem  Protoplasma  mit  künstlichen  Me- 
thoden näher  zu  treten.  Schmitz“)  giebt  an,  bei  Picrin- 
präparaten  mit  Haematoxylin  gefärbte  Punktirungen  des 
Cytoplasmas  erhalten  zu  haben;  die  Ungunst  der  Pflanzen- 
objekte für  künstliche  Bearbeitung  scheint  ihn  jedoch  ab- 
gehalten zu  haben,  hierin  weiter  vorzugehen. 

1)  Kölliker,  Handbuch  der  Gewebelehre.  6.  Aufl.  1889.  S.  31. 

2)  F.  Schmitz,  Untersuchungen  über  die  Structur  des  Protoplasin.as 
und  der  Zellkerne  der  Pflanzenzellen.  Sitzungsbevichle  der  niederrheinischen 
Gesellschaft  zu  Bonn  1880. 


i6 


So  sehr  auch  die  Pflanzenzelle  für  die  Beobachtung 
vieler  lebenden  Vorgänge  geeignet  ist,  ihr  eigentliches 
Protoplasma  ist  um  so  schwieriger  zu  erreichen;  die  Neigung 
desselben  zur  Bildung  von  grossen  Vacuolen  ist  so  vor- 
herrschend, dass  man,  um  das  Cytoplasma  besonders  an  den 
für  künstliche  Bearbeitung  nothwendigen  dünnen  Schnitten 
erfolgreich  untersuchen  zu  können,  auf  wenige  Jugendformen 
angewiesen  ist;  hierzu  kommt  noch  das  häufige  Vorhanden- 
sein von  Chlorophyllkörnern,  Leucoplasten  etc.,  welche  das 
spärliche  Cytoplasma  verdecken.  Ich  habe  es  in  Gemein- 
schaft mit  einem  Botaniker  versucht,  die  an  der  thierischen 
Zelle  erprobten  Methoden  auf  die  Pflanzenzelle  zu  übertragen; 
hierbei  hat  sich  jedoch  die  Ungunst  der  Letzteren  so  evident 
herausgestellt,  dass  wohl  Analogieen  zur  thierischen  Zelle 
nachweisbar  waren,  eine  wesentliche  Förderung  der  Granula- 
frage von  der  Pflanzenzelle  aber  schwer  zu  erwarten  ist.’) 
Man  braucht  nur  die  von  Oskar  Schnitze®)  an  Thieren 
angestellten  Beobachtungen  über  die  vitale  Metylenblau- 
reaction  der  Zellgranula  mit  den  ärmlichen  Bildchen  und 
spärlichen  Erscheinungen  zu  vergleichen,  welche  auf  ähn- 
liche Weise  gelegentlich  an  der  Pflanzenzelle  gewonnen 
worden  sind,  um  jenen  Unterschied  genügend  zu  übersehen. 
Die  Beobachtungen  an  den  Pflanzenzellen  werden  in  viel- 
facher Weise  für  das  Studium  der  lebenden  Vorgänge  mass- 
gebend bleiben,  aber  jenes  weitere  Eindringen  in  den 
protoplasmatischen  Bau,  wie  es  vermittelst  der  künstlichen 
Methoden  erreicht  werden  kann , werden  sie  kaum  ge- 
statten; hierzu  eignen  sich  die  thierischen  Zellen  augen- 
scheinlich in  weit  höherem  Grade.  Es  dürfte  zweckmässig, 
ja  für  einen  weiteren  Fortschritt  nothwendig  sein,  dass 

i)  Herr  Dr.  A.  Zimmermann,  Docent  der  Botanik  in  Tübingen, 
hat  vor  einiger  Zeit  ein  paar  Monate  bei  mir  mit  den  Granulamethoden 
gearbeitet;  er  gedachte  seine  Untersuchungen,  die  in  Bezug  auf  Special  fragen 
der  Botanik  vieles  Interessante  boten,  in  Tübingen  fortzusetzen  und  seiner 
Zeit  zu  veröffentlichen. 

z)  O.  Schnitze,  Die  vitale  Metylenblaureaction  der  Zellgramila. 
Anat.  Anzeiger  1887. 


17 


sich  die  Bestrebungen  auf  diesen  beiden  Gebieten  in  harmo- 
nischer Weise  ergänzen. 

An  der  thierischen  Zelle  sind  auch  früher  schon  an 
vereinzelten  Objekten  mit  künstlichen  Methoden  günstige 
Resultate  erzielt  worden.  So  hat  Ehrlich  die  gröberen 
Granulationen  verschiedener  Leucocyten  gefärbt , van 
Beneden  spricht  von  corps  baccilliformes,  welche  er  ge- 
legentlich in  Zellen  gesehen  hat,  Kupffer  hat  im  Axen- 
cylinder,  wie  ich  es  nach  meinen  jetzigen  Erfahrungen  auf- 
fassen möchte,  fibrillär  angeordnete  Granula  durch  Färbung 
demonstrirt;  dennoch  sind  diese  Beobachtungen  sowohl  von 
diesen  Autoren  selbst,  als  auch  von  Andern  nur  als  Specia- 
litäten  und  vereinzelte  Erscheinungen  aufgefasst  worden. 
Seit  dem  Bekanntwerden  meiner  Granulauntersuchungen  ’) 
haben  sich  die  Angaben  über  das  Sichtbarsein  von  Körner- 
elementen in  den  Zellen  bereits  erheblich  vermehrt,  und 
man  scheint  sich  bereits  daran  zu  gewöhnen  darauf  zu 
achten,  wo  sie  gelegentlich  auch  ungefärbt  oder  als  gefärbte 
Nebenprodukte  der  Beobachtung  erkennbar  werden,  ja 
Manche  halten  es  heute  schon  für  selbstverständlich,  dass 
die  Zelle  kein  Elementarorganismus  ist.  Es  lässt  sich  hoffen, 
dass,  wenn  erst  die  für  die  Untersuchung  der  Granula  ge- 
eigneten Methoden  in  Aller  Händen  sind*),  dieses  Gebiet 
der  Biologie  bald  durch  rüstige  Mitarbeiter  gefördert  werden 
wird.  Das  Endziel  unserer  Bestrebungen  aber  soll  sein 
den  Satz  immer  mehr  wahrscheinlich  zu  machen:  es  giebt 
keine  gleichartige  Sarkode,  es  giebt  nur  ein  polymeres 
Protoplasma. 

Von  den  allgemeineren  Bemühungen,  das  Princip  im 
i5au  des  Protoplasmas  zu  finden,  kann  man,  abgesehen  von 

1)  Studien  über  die  Zelle.  Leipzig  1886.  — Die  Genese  der  Zelle. 
Festschrift  für  Carl  Ludwig  1887.  — Die  Structur  des  Zellkerns.  Arch. 
f.  Anat.  u.  Phys.  1889.  — lieber  die  Fettumsetzungen  im  Organismus.  Ebenda. 
Eine  grössere  Zahl  von  Granulabildern  wurden  auf  den  Anatomen-Versamm- 
lungen  zu  Leipzig  und  Würzburg  demonstrirt. 

2)  Die  Methoden  finden  sich  beschrieben  in  einer  im  Druck  befind- 
lichen Arbeit;  Die  Elementarorganismen  und  ihre  P)eziehungen  zu  den  Zellen. 


2 


i8 


den  schon  oft  gesehenen  und  beschriebenen  Faser-  und 
Fibrillenbildungen,  welche,  wie  oben  erwähnt,  Kölliker 
für  wichtige  Einzelheiten  des  protoplasmatischen  Baues  er- 
klärt, und  auf  deren  Bedeutung  wir  an  einem  anderen  Orte 
bereits  näher  eingegangen  sind ')  und  später  noch  des 
Weiteren  eingehen  werden,  noch  die  Anschauung  von  der 
primären  Netzstructur  des  Protoplasmas  hervorheben,  wie 
sie  insbesondere  von  Heitzmann^)  an  thierischen  Zellen 
und  von  Frommann^)  an  Pflanzenzellen  beobachtet  wor- 
den ist. 

Die  Bemühungen  beider  Autoren  bezeichnen  insofern 
schon  einen  Fortschritt,  als  von  ihrer  Seite  bereits  eine 
strengere  Auswahl  der  für  Structurstudien  geeigneten  Ob- 
jekte stattgefunden  hat;  indem  sie  eifrig  danach  suchten, 
wo  etwa  sichtbarliche  Formerscheinungen  im  Protoplasma  zu 
entdecken  waren,  setzten  sie  daselbst  alle  Mühe  heran. 
Während  die  älteren  Autoren  durch  ihre  klassische  Beobach- 
tungsgabe das  Wesen  des  Protoplasmas  als  Ganzes  in  vielen 
Punkten  klar  gelegt  haben,  finden  sich  in  den  Bemühungen 
von  Heitzmann  und  Fr om mann  die  ersten  Anfänge  da- 
für,  die  Elemente  zu  demonstriren,  aus  denen  sich  dasselbe 
zusammensetzt,  l^eide  kamen  sie  zu  dem  Resultat,  dass 
die  Substanz  des  Protoplasmas  in  äusserst  feinen  Netzen 
angeordnet  sei , dessen  Knotenpunkte  den  Eindruck  von 
Körnchen  machen;  hierin  sollte  das  Wesen  des  protoplas- 
matischen Baues  bestehen. 

Was  es  mit  diesen  Netzen  meist  für  eine  Bewandtniss 
hat,  dafür  möchte  ich  nur  ein  Beispiel  anführen.  From- 
mann  fand  in  den  Staubfadenhaaren  von  Tradescantia  ein 
ausgezeichnetes  Objekt,  um  in  den  Kernen  der  dort  vor- 


1)  Vergl.  Die  Genese  der  Zelle. 

2)  C.  Heitzmann,  Untersuchungen  über  das  Protoplasma.  Wiener 
Sitzungsberichte  1873.  Mikroskopische  Untersuchungen  des  Thierkörpers. 
Wien  1883. 

3)  C.  Frommann,  Beobachtungen  über  Structur  und  Bewegungs- 
erscheinungen des  Protoplasma  der  Pflanzenzellen.  Jena  1880. 


19 


haiidenen  Zellen  ein  ausserordentlich  regelmässiges  fein- 
maschiges Netzwerk  lebend  zu  demonstriren.  Wenn  ich  das- 
selbe Objekt  ebenfalls  in  frischem  Zustande  untersuche,  so 
finde  ich,  dass  dasselbe  ausgezeichnet  ist,  um  die  Granula- 
structur  des  Kernes  zu  demonstriren;  das  heisst  From- 
mann  hält  die  Intergranulasubstanz  für  das  positive  Bild, 
während  er  die  Granula  für  Lücken  ansieht,  während  ich 
die  Lücken  für  positive  Granula  halte,  das  Netzwerk  aber 
für  intergranulär. 

Jedenfalls  ist  dieses  Beispiel  charakteristisch  dafür,  dass 
gleiche  Beobachtungen  an  lebenden  Objekten,  deren  Sicht- 
barkeit fast  immer  nur  auf  Brechungsdifferenzen  beruht, 
leicht  zu  entgegengesetzten  Folgerungen  führen  können, 
besonders  da,  wo  es  sich  um  die  feinsten  Formelemente 
handelt.  Die  Entscheidung  kann  naturgemäss  nur  durch 
künstliche  Hilfsmittel  gebracht  werden;  wenn  es  dadurch 
gelingt,  an  Stelle  der  Lücken  des  Netzwerkes  positive  Kör- 
per mit  specifischer  Färbungsreaction  nachzuweisen,  so  ist 
die  Structur  granulär,  das  Netzwerk  aber  intergranulär. 
Damit  soll  nicht  gesagt  sein,  dass  nicht  auch  dem  inter- 
granulär^en  Netzwerke  noch  eine  vielleicht  viel  feinere  Zu- 
sammensetzung aus  Elementarkörperchen  zukommt;  ja  es 
ist  mir  dieses  nicht  unwahrscheinlich,  wie  ich  es  bereits  in 
meiner  Mittheilung  über  die  Structur  des  Zellkernes  er- 
wähnt habe. 

Lebende  Objekte  geben  also  nicht  nur  selten  einen 
sicheren  Anhalt  für  die  Beobachtung  der  Structur  des 
Protoplasmas,  sondern  sie  führen  auch  da,  wo  sie  dieses 
thun,  leicht  zu  Täuschungen.  Da  weder  Heitzmann  noch 
Frommann  künstliche  Methoden  angewendet  haben,  so  ist 
es  auch  ihnen  nicht  gelungen,  das  Princip  im  Bau  des 
Protoplasmas  aufzudecken,  obwohl  ihre  l^eobachtungen  zu 
den  besten  gehören,  welche  über  die  Structur  desselben 
angestellt  worden  sind. 

Es  scheint  daher  für  das  Studium  des  Protoplasmas 
der  richtige  Weg  zu  sein,  vorzugsweise  mit  Hilfe  der  zu- 


20 


verlässigeren  und  weiter  eindringenden  künstlichen  Me-  • 
t ho  den,  und  im  Anschluss  an  so  prägnante  Objekte,  wie 
sie  die  Pigmentzellen  und  die  Muskelfasern  des  thierischen 
Organismus  darbieten,  analoge  Verhältnisse  auch  in  an- 
deren Zellen  zu  suchen;  finden  wir  solche  Analogieen,  so 
werden  wir  mehr  Recht  haben,  allgemeine  Folgerungen 
daraus  zu  ziehen,  als  diejenigen,  welche  ihre  Anschauungen 
von  der  Gleichartigkeit  des  Protoplasmas  auf  die  negativen 
Befunde  an  der  Sarkode  begründen. 

Haben  die  ''/ertreter  dieser  Anschauungen  Recht,  dann 
hat  die  Morphologie  bereits  ihre  Grenze  erreicht,  und  es 
bleibt  nur  die  Lehre  von  der  molekularen  Organisation 
übrig,  welche  für  grübelnde  Leute  gewiss  viel  Reizvolles 
hat,  aber  doch  selbst  erst  der  richtigen  morphologischen 
LFnterlagen  bedarf,  um  eine  Berechtigung  ihrer  Existenz 
zu  besitzen. 

Noch  haben  wir  diese  Grenze  der  Morphologie  nicht 
erreicht.  Mag  jener  genetische  Plan,  wie  wir  ihn  oben  in 
wenigen  Worten  zusammengedrängt  haben,  auch  ein  Un- 
bekanntes sein,  das  bewiesen  werden  muss,  vielleicht  kann 
er  uns  doch  den  Weg  zeigen,  wie  wir  zu  einem  Verständ- 
niss  des  Bekannten  und  Erreichbaren  gelangen.  Wenn  wir 
Schritt  für  Schritt  durch  immer  feinere  Methoden  das  Ge- 
biet des  Sichtbaren  erweitern,  so  gelingt  es  vielleicht  doch 
allmählich.  Vieles  von  dem  zu  sehen,  was  scheinbar  nicht 
vorhanden  ist;  das  was  in  dieser  Beziehung  schon  erreicht 
wurde,  lässt  die  Hoffnung  auf  weitere  Fortschritte  als 
möglich  erscheinen.  Es  mag  hierin  vielleicht  eine  schwere 
Aufgabe  liegen,  aber  es  lohnt  der  INIühe  wohl,  hier  seine 
Kräfte  heranzusetzen  und  so  unserem  Wissen  eine  neue 
Welt  zu  erobern.  —